Bollinger Bands, in den 80er-Jahren von John Bollinger entwickelt, sind einer der elegantesten technischen Indikatoren. Sie umrahmen den Preis mit zwei Kurven, die der Volatilität folgen, und bilden einen Kanal, der sich ausdehnt oder zusammenzieht. Richtig gelesen verraten sie sowohl, wo der Preis günstig oder teuer ist, als auch wann eine explosive Bewegung wahrscheinlich bevorsteht. Falsch gelesen bringen sie dich dazu, Gegentrendpositionen in Pumps einzugehen.
Wie sie konstruiert werden
Bollinger Bands haben drei Komponenten:
- Mittellinie: ein SMA 20 (einfacher gleitender Durchschnitt über 20 Perioden).
- Oberes Band: SMA 20 + 2 × Standardabweichung der letzten 20 Schlusskurse.
- Unteres Band: SMA 20 − 2 × Standardabweichung der letzten 20 Schlusskurse.
Die Standardabweichung misst die statistische Streuung. Je mehr die Preise variieren, desto größer die Abweichung, desto weiter die Bänder. Je ruhiger die Preise, desto enger die Bänder.
Statistisch sollten etwa 95 % der Preise innerhalb der Bänder bleiben (Eigenschaft der Standardabweichung in Normalverteilung). In der Praxis bei Crypto eher 85–90 %, da Crypto-Märkte keine perfekte Normalverteilung folgen.
Die drei Hauptsignale
1. Der Squeeze (Verengung)
Wenn sich die Bänder stark zusammenziehen (sehr niedrige Volatilität), erlebst du einen Squeeze. Der Markt "komprimiert" seine Energie. In den meisten Fällen folgt einem Squeeze eine explosive Bewegung – in jede Richtung.
Der Squeeze zeigt die Richtung der zukünftigen Bewegung nicht an, nur dass sie stark sein wird. Um die Richtung zu bestimmen, beobachte:
- Den Trend-Kontext (was sagt EMA 200?);
- Die Kerzen: die erste klare Kerze, die auf einer Seite ausbricht, zeigt die wahrscheinliche Richtung;
- Das Volumen: ein Ausbruch mit starkem Volumen bestätigt.
Squeezes sind besonders relevant auf 4h und 1D. Auf 5m kommen Squeezes häufig vor, führen aber selten zu nutzbaren Bewegungen.
2. Der Band-Walk
Das ist kontraintuitiv: In einem starken Trend kann der Preis lange an einem Band kleben. Ein kraftvoller Aufwärtstrend kann den Preis tagelang am oberen Band "entlanglaufen" lassen. Ein kraftvoller Abwärtstrend, am unteren Band.
Klassische Anfängerfalle: "Preis berührt das obere Band, es ist überbewertet, ich gehe short". Falsch. In starkem Trend bedeutet das Berühren des oberen Bandes "der Trend ist stark, nicht dass er sein Top erreicht hat".
Goldene Regel: Niemals eine Position gegen den Trend einnehmen, nur weil der Preis ein Band berührt. Das ist nur ein Umkehrsignal in einem Range-gebundenen Markt.
3. Rückkehr zum Mittelwert
In einem Range-gebundenen Markt (kein klarer Trend) oszilliert der Preis regelmäßig zwischen den beiden Bändern und kehrt zum SMA 20 zurück, bevor er wieder ausbricht. Hier funktionieren Mean-Reversion-Strategien auf Bollinger Bands:
- Preis berührt unteres Band im Range → Long in Richtung Mittellinie oder oberes Band.
- Preis berührt oberes Band im Range → Short in Richtung Mittellinie oder unteres Band.
Absolute Bedingung: Verifiziere, dass du wirklich im Range bist (ADX < 20, seitwärts gerichtete Struktur), bevor du diese Signale nimmst. In einem Trend sind sie verheerend.
Einstellungen
Standard ist (20, 2): SMA 20, ±2 Standardabweichungen. Funktioniert gut auf den meisten TFs und Märkten. Einige Varianten:
- (20, 2,5): breitere Bänder, weniger Signale, aber zuverlässiger.
- (10, 2): reaktivere Bänder, nützlich auf kurzen TFs.
- (50, 2): stark geglättet, zur Identifikation struktureller Zonen auf 1D.
Wie immer: beim Standard bleiben, bis du ihn beherrschst, dann experimentieren, wenn du einen spezifischen Bedarf hast.
Fallstricke
Fallstrick Nr. 1: "Preis überschreitet das Band, also ist er überbewertet". In den meisten Fällen falsch. Band-Überschreitungen sind normal in Trends. Verwandle das nicht in ein Gegentreand-Einstiegssignal.
Fallstrick Nr. 2: Trend-Kontext ignorieren. Bollinger Bands funktionieren nicht gleich in Trend und Range. Überprüfe immer das Regime, bevor du interpretierst.
Fallstrick Nr. 3: glauben, Bänder sagen die Zukunft voraus. Bänder beschreiben die jüngste Volatilität. Sie wissen nicht, was als nächstes passiert. Ein Squeeze ist keine Prognose, sondern eine Beobachtung ("Volatilität ist niedrig") mit historischem Prognosewert.
Fallstrick Nr. 4: jeden Kontakt handeln. Der Preis berührt die Bänder sehr regelmäßig. Wenn du jeden Kontakt handelst, machst du 100 Trades pro Woche – und verlierst bei jedem Falschsignal. Sei selektiv.
Bollinger Bands kombiniert mit anderen Indikatoren
Bollinger Bands sind kombiniert leistungsfähiger als isoliert. Einige nützliche Kombos:
- Bänder + RSI: RSI divergiert, wenn der Preis ein neues Hoch außerhalb der Bänder macht = weit zuverlässigeres Umkehrsignal.
- Bänder + Volumen: ein Squeeze-Ausbruch mit massivem Volumen = hohe Konfidenz. Squeeze-Ausbruch ohne Volumen = wahrscheinlich falsch.
- Bänder + ADX: ADX steigt über 25 während eines Squeezes = der beginnende Trend ist wahrscheinlich nutzbar.
- Bänder + statische Niveaus: unteres Band berühren an derselben Stelle wie ein horizontaler Support = Konfluenz, weit zuverlässiger als ein Band-Kontakt allein.
Konfluenzen sind immer robuster als Einzelsignale – das ist das allgemeine TA-Prinzip.
Konkreter Anwendungsfall: der Squeeze-Ausbruch
Hier ist ein klassisches Setup, das ich mag:
- Ich identifiziere einen Squeeze: Bänder ziehen sich auf dem 4h eines Coins stark zusammen (visuell erkennbar). Ich stelle fest, dass ADX niedrig ist (< 18).
- Ich warte auf den Ausbruch: Ich steige nicht während des Squeezes ein. Ich warte auf eine klare Kerze, die außerhalb eines der beiden Bänder schließt.
- Ich verifiziere den Kontext: Ist die Ausbruchsrichtung kohärent mit dem 1D-Trend? Begleitet Volumen? Wenn beides ja, habe ich ein Signal.
- Ich führe aus: Einstieg beim Pullback zum durchbrochenen Band (jetzt Support/Resistance), Stop gegenüber dem Squeeze, Ziel mindestens die aktuelle Bandbreite nach dem Öffnen.
Dieses Setup funktioniert nicht jedes Mal, aber wenn es funktioniert, ist das Risiko/Rendite-Verhältnis ausgezeichnet, weil der Einstieg präzise und der Stop eng ist.
In DYOR
DYOR zeigt Bollinger Bands in der Coin-Detailansicht an. Im Trendscanner kannst du filtern nach:
- Preis außerhalb der Bänder: Coins, die gerade eine starke Ausdehnung machen.
- Aktiver Squeeze: Coins, bei denen die Bänder gerade eng sind (mögliche bevorstehende Ausbrüche).
Immer mit anderen Filtern (Trend, Volumen) kombinieren, um die besten Setups zu finden.
Weiterführend
- ATR — eine andere Volatilitätsmessung, roher;
- Gleitende Durchschnitte — die Mittellinie von Bollinger Bands ist ein SMA;
- Support und Resistance — Bänder agieren oft als dynamischer Support/Resistance.